60 Jahre Ape Piaggio
1948 - 2008
 
 
 
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Ressort: Auto & Mobil
URL: /automobil/artikel/653/159223/
Datum und Zeit: 11.04.2008 - 12:06
von Sebastian Viehmann

 

 

Die Arbeiter-Biene

 

Vor 60 Jahren knatterte das erste Ape-Dreirad über südliches Kopfsteinpflaster. Die Transporter-Zwerge geben bis heute dem italienischen Straßenbild seinen speziellen Anstrich.

 

Von Von Sebastian Viehmann

 

 

Palermo in den frühen Morgenstunden. Ein leichter Dunst liegt über der sizilianischen Hafenstadt. Langsam quält sich der morgendliche Verkehr durch die engen Straßen. Auch tausende Bienen schwärmen aus - vom Hafen zum Fischmarkt, von den Bauern zum Gemüsehändler, vom städtischen Depot zur Müllsammlung. Doch Palermos Bienen summen nicht, sie knattern. "Ape" - italienisch für Biene - heißt der populärste Kleintransporter Italiens. 

 

 

Der populärste Kleintransporter Italiens: die Ape.

Foto: Piaggio

 

 

Ein Motorrad mit Ladefläche

 

Das 2,5 Meter kurze und 1,3 Meter schmale Dreirad der Firma Piaggio ist schließlich das einzige Nutzfahrzeug, das sich selbst durch die engsten und verwinkelsten Gässchen zwängen kann. Ein Wendekreis von 4,8 Metern lässt jeden Vierradler alt aussehen, und 200 Kilogramm Nutzlast (Ape 50) reichen für eine Ladung Tomaten locker aus.

 

 

Im Prinzip ist die Ape nichts anderes als ein Motorrad mit Ladefläche und Fahrerkabine. Der Komfort im Führerhäuschen ist gleich Null, weder Heizung oder Radio lenken den Fahrer vom chaotischen Verkehrsgetümmel ab. Die passive Sicherheit besteht vor allem darin, dass die Töfftöff-Dreiräder ziemlich langsam unterwegs sind und sich potenzielle Unfallgegner im günstigsten Fall aus anderen Dreirädern, Mofas oder Fußgängern rekrutieren.

 

Viele Dreirad-Piloten dürften die Geburtsstunde des Mofa-Transporters noch als Kind miterlebt haben - der typische Ape-Fahrer ist heute meist ein Gemüsehändler kurz vor dem Rentenalter mit Schiebermütze auf dem Kopf. Doch auch Mama, Papa und ein bis zwei Bambini passen mit etwas gutem Willen ins Führerhaus. Und in manchen Regionen Italiens sind die kleinen Apes mit 50 Kubik sogar unter Jugendlichen Kult. Man darf sie schon ab 14 Jahren fahren, und eine rege Tuner-Szene motzt die Dreiräder tüchtig auf.

Wenn es sein musste,transportierte die Ape auch schwerere Dinge ...

Foto: Piaggio

 

Der Dieselmotor der Langversion Ape tm holt aus seinem 422 Kubikzentimeter großen Motörchen 12 PS und ist für eine Höchstgeschwindigkeit von 65 km/h gut. Im kleinen Zweitakter ist schon bei 40 Sachen Schluss. Die Ladekapazität der Winzlinge ist dafür beachtlich – mehr als 700 Kilogramm kann die Langversion der italienischen Biene mit sich herum schleppen.

 

Doch selbst bei den kleinen und uralten Apes, die noch zu tausenden durch die Gassen wuseln, gibt es beim Beladen nur eine Grenze: die Fantasie des Fahrers. "Wenn das Gemüse schon zu allen Seiten über die Ladefläche hinaus ragt, wird eben hoch gestapelt", lacht der Gemischtwarenhändler Matteo, der seine Ape als rollenden Verkaufsstand nutzt.

 

Hat denn die Polizei da nichts dagegen? Und hat er nicht überhaupt manchmal Angst in seiner Blechkiste, mitten zwischen den großen bösen Autos? Matteo schaut völlig verständnislos - offenbar kann nur ein Deutscher so eine dämliche Frage stellen.

 

Dabei findet man die Antwort schon in Palermos Straßenverkehr, den man als konstitutionelle Anarchie beschreiben könnte. Vorfahrt hat im Zweifel der, der schneller aufs Gas tritt. Ampeln sind vielleicht schön bunt, stehen aber nicht immer im Mittelpunkt des Interesses sizilianischer Autofahrer.

 

 

Trotzdem lautet ein ungeschriebenes Gesetz: Fahre so, dass niemand zu Schaden kommt. Alte Leute lässt man auch ohne Zebrastreifen über die Straße. Gehupt wird viel seltener, als man es sich vorstellen würde. Ein kurzes Hupen heißt "Lass mich mal rein" oder "Achtung Luigi, gleich krachen wir zusammen!" Dass in diesem chaotisch-freundlichen Blech-Knäuel auch kleine Dreirad-Transporter wie die Ape ihren Platz haben, ist kein Wunder. 

 

Seit 1948 im Einsatz

 

Die Geburtstunde des fleißigen Blech-Bienchens schlug übrigens schon 1948, nur zwei Jahre, nachdem Piaggio die legendäre Vespa auf die Räder stellte. Und die erste Ape war auch nichts anderes als eine Vespa mit hölzerner Ladefläche.

 

Bis heute baut Piaggio das Dreirad mit Zweitaktmotor. Längst steht aber auch ein Dieselmotor zur Verfügung. Für den indischen Markt gibt es Apes mit Erdgasantrieb. Und es gibt von der einfachen Pritsche bis zum Müllkipper mehrere Aus- und Aufbauvarianten. Eigentlich schade, dass das knuffige Dreirad in Deutschland nur ein Schattendasein fristet - als mobile Werbetafel, origineller Hähnchengrill oder Geldautomat.

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Bienchen auf drei Rädern:

Die Ape

1948 - 2008

 

 

Typisch italienisch kommen sie dahergerattert: Die Marke Piaggio kennt man hierzulande eher durch ihre Motorroller. Die legendäre Vespa war und ist im Nachkriegsitalien das Fortbewegungsmittel schlechthin. Sie ist erschwinglich, praktisch und ökonomisch. Mit ihr kann man sich laut knatternd durch alle Staus schlängeln, und l`amore findet hintendrauf auch noch ein Plätzchen.

 

Doch ein großes Manko hat die Vespa: Größere Lasten lassen sich mit ihr nicht transportieren. In den ersten Nachkriegsjahren war man gezwungen, mit einfachen Mitteln auszukommen. So kam den Ingenieuren von Piaggio die Idee, der „Vespa“, das heißt „Wespe“, eine größere Schwester hinzuzufügen, die „Ape“, was „Biene“ heißt.

 

1948 begann die Produktion der Ape im Viaggiowerk in Pontedera. Sie sollte die Vorteile des Rollers mit denen eines Lastentransporters verbinden. So wurde der Roller salopp gesagt hinten abgeflext und mit zwei Hinterrädern und einer Ladefläche versehen. Die so entstandene Ape erwies sich als das Allroundfahrzeug, auf das ganz Italien gewartet zu haben schien. Der minimalistische Kleintransporter wurde schnell zum „Brot- und Butter-Fahrzeug“.

 

Klein und wendig, wie sie ist, findet sie ihren Weg auch durch die engsten Gässchen eines italienischen Bergdorfes und durch schmale Wirtschaftswege. Die relativ niedrigen Anschaffungs- und vor allem die geringen Unterhaltskosten machen sie beinahe für jedermann erschwinglich.

 

Und so wurde die Ape zum Standardfahrzeug der Handwerker, Bauern und Kommunalbetriebe, auch eine Taxiversion und einen Sattelauflieger hat es gegeben. In unzähligen Versionen knattert das markante Dreirad durch Italien. Eisverkäufer füllen die Hörnchen von ihrer Ladefläche, Weinbauern laden ihre 25-Liter-Flaschen auf ihr ab, fliegende Händler bringen Berge bunter Billigkleidung mit ihr zum Markt, randvoll mit Oliven fährt sie zur Ölmühle, um mit großen Blechkanistern voll Olivenöl zurückzukehren, der Großvater karrt das Feuerholz mit ihr durch die Gassen und am Sonntag bringt er die Familie auf der Ladefläche zur Kirche.

 

Obwohl der Siegeszug des Autos die Blütezeit der Ape enden ließ, prägt sie doch auch heute noch überall das Bild italienischer Straßen. Außerhalb Italiens ist sie kaum bekannt, was wohl daran liegt, dass sie nur in Italien von der Gesetzgebung begünstigt war. Das könnte sich ändern wenn die neue Führerscheinklasse S für Kleinstwagen, die im Moment zur Debatte steht, eingeführt wird. Die Geschwindigkeit dieser Fahrzeuge soll auf 45 km/h begrenzt sein, die Leistung auf 4 kW. Hierunter könnte auch die Ape 50 fallen.

 

Die Ape ist unschlagbar im Unterhalt. Die Ape 50, das als Zweitakter betriebene Dreirad, verschlingt nur magere 100 € Versicherungskosten im Jahr und ansonsten nichts außer Sprit und den selten nötig werdenden Reparaturen, die der wackere Tüftler bei dieser klaren Technik meist selbst oder mit versierten Freunden ausführt. Und die Spritkosten sind bei einem Verbrauch von 3-4 Litern auf 100 Kilometern zudem auch recht überschaubar. Der Tank fasst übrigens satte 10 Liter.
Die Ape ist steuerfrei und unterliegt nicht der TÜV-Pflicht.

Die modernen Api werden als Cross mit Überrollbügel angeboten, als Pick Up oder als geschlossener Kastenwagen, der sich allerdings mit drei Handgriffen auch in einen Pick Up verwandeln lässt. Da es für die Ape ein breites Anwendungsgebiet gibt, wurden die merkwürdigsten Aufbauten entwickelt. Spezialisierte Firmen verwandeln die Standardape in die bizarrsten Vehikel.

 

Als Benziner sind sie mit einem Hubraum von 50 bis 500 cm³ und als Diesel mit 500 cm³ lieferbar. Der Einzylinder-Zweitaktmotor mit 50 cm³ leistet 1,9 kW, das sind gut zweieinhalb Pferdestärken.

 

Die Ausmaße der Ape 50 sind beschaulich: 2,52 Meter in der Länge, 1,25 Meter in der Breite und 1,53 Meter in der Höhe. Mit ihrem Wendekreis von 4,80 Metern ist die Ape ihren größeren Artgenossen gegenüber klar im Vorteil.

 

Auf der Ladefläche der Ape 50 dürfen bis zu 200 km Lasten untergebracht werden, auf der der Ape Tm immerhin 700 kg. Der Fahrer sitzt vor allem Unbill des Wetters geschützt im Innenraum, der allerdings recht klein ist. Die Ape ist schließlich nur ein Einsitzer und für Personen ab 190 cm Größe wird es schon recht kritisch.

 

Die übliche Ape 50 erreicht etwa 40 km/h. Schlitzohren bauen in sie einen 85 cm³ Kessel ein, was zwar nicht ganz legal ist, aber doch meist unbemerkt bleibt. So getunt erreicht sie immerhin 50-55 km/h.

 

Die Ape ist nicht gerade leise, sie rattert ordentlich durch die Gegend, so wie der Italiener es liebt. Auch im Innenraum ist man vor diesem Geräuschpegel kaum geschützt, da hilft nur ein ordentliches Radio, um den Schallquelle etwas zu verlagern.

 

Die Anschaffung kostet ca. 4000-5000 €. Bedenkt man die geringen Unterhaltskosten, ist das sicherlich eine lohnende Investition. Dazu kommt, dass die Ape beinahe unverwüstlich scheint, sie rollt und rollt und rollt. Gebrauchte Ape sind daher kaum zu bekommen, wer sie einmal hat, den begleitet sie ein Leben lang.

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